Kompletter Wochenrückblick zur NVIDIA-Aktie: alle Schlagzeilen in Reihenfolge, Kursniveaus, Optionsflüsse und was vor den Zahlen am 19. November wirklich zählt.
WAS GESCHAH MIT NVIDIA-AKTIEN
Nvidia hat mit dem juengsten Q3 FY2026-Bericht praktisch alle “AI-Blase”-Argumente von gestern auf heute alt aussehen lassen. Nach Wochen mit China-Schlagzeilen, politischem Laerm aus Washington und einem Optionsmarkt voller Schutzputs rutschte die Aktie rund 18 % vom Oktoberhoch und etwa 8 % im November bis direkt vor die Zahlen. Viele rechneten mit einem “Verdauungsquartal”. Stattdessen kamen 57,03 Mrd. USD Umsatz, 51,2 Mrd. USD im Data-Center-Segment, 75 % non-GAAP-Bruttomarge und eine Q4-Guidance von rund 65 Mrd. USD. Nachboerslich sprang die Aktie zeitweise ueber 7 %, im vorboerslichen Handel notiert sie um 153–154 USD und die Marktkapitalisierung liegt wieder ueber 5 Billionen. Im Folgenden erzaehlen wir die ganze Geschichte fuer ein deutschsprachiges (Schweizer) Publikum: von der Korrektur zur Bestaetigung des AI-Superzyklus – und was das fuer das Risiko-/Rendite-Profil bedeutet.
Vom Rueckgang zum Ausbruch
Um zu verstehen, was mit Nvidia-Aktien passiert ist, hilft es, die letzten Wochen in zwei Akte zu teilen. Akt eins: Euphorie, neues All-Time-High und eine Marktkapitalisierung von ueber 5 Billionen USD, gefolgt von einem spuerbaren Rueckgang, getrieben von China-Nachrichten, politischem Laerm und aggressivem Options-Hedging. Akt zwei: der Abend des 19. November 2025, als das Q3 FY2026-Ergebnis die bisherige Erzaehlung von “AI-Capex koennte toppen” zu “AI-Superzyklus beschleunigt weiter” umschreibt – und der Kurs in einer Nacht wieder nach oben schiesst.
Von 5 Billionen zur nervoesen Vor-Regelung
Ende Oktober wirkte Nvidia wie ein unantastbarer Marktliebling. Die Aktie schloss erstmals mit einer Marktkapitalisierung von ueber 5 Billionen USD, die Woche endete um 208 USD, und kurz darauf wurde ein neues Rekordhoch markiert. Retail-Trader auf Reddit tauften den Titel in bester Meme-Manier zum “AI king forever”. Doch Maerkte laufen selten in gerader Linie – vor allem nicht, wenn viele Investoren bereits maximal long sind.
Dann kamen die Schlagzeilen, die niemand im Orderbuch sehen wollte. Die South China Morning Post meldete, dass Peking auslaendische AI-Chips in staatlichen Datencentern still und leise verbietet – vergraben in einem 47-seitigen Papier, aber Algorithmen lesen Ueberschriften, keine Fussnoten. Bis New York richtig wach war, lag Nvidia bereits rund 4 % tiefer. Spaeter am Tag zitierte Reuters das US-Handelsministerium mit der Bestaetigung, dass Blackwell-GPU aktuell weiterhin auf der China-Export-Blacklist steht. Fundamental gesehen stammt nur ein niedriger einstelliger Prozentanteil der Data-Center-Umsaetze aus China, doch der Ton der Meldung erinnerte den Markt daran, dass politische Eingriffe Bewertungsmodelle innerhalb eines Nachmittags verschieben koennen – heikel bei einem Titel mit Praemium-Multiple.
Parallel dazu nahm der politische Laerm zu. Das Wall Street Journal berichtete, das Trump-Uebergangsteam habe den Behoerden signalisiert: kein Bail-out fuer die KI-Branche. Gleichzeitig lieferte Nvidia selbst positive Mikro-News – etwa eine Pressemitteilung zu neuen Vertraegen mit Samsung, Deutsche Telekom und Nokia, die 5G-AI-Workloads auf Blackwell bringen sollen. An der Boerse reichte das nur fuer ein kurzes Plus von gut 1 % nach Boersenschluss, das am naechsten Tag wieder verkauft wurde. Die Botschaft des Marktes: Gute Einzel-News koennen eine sich drehende Makro-Story nicht allein drehen.
Optionsfluss, negative Gamma und AI-Sektor im Gleichschritt
Unter der Oberflaeche verschob sich die Kontrolle des Kursverlaufs immer staerker an den Optionsmarkt. Das Volumen von Put-Optionen stieg deutlich an, vor allem bei kurzfristigen Laufzeiten mit Strikes im Bereich 195–188 USD. Dealer, die diese Puts verkauft hatten, gerieten in den klassischen Modus negativer Gamma: Wenn der Kurs faellt, muessen sie zur Absicherung zusaetzliche Aktien oder Futures verkaufen, was den Kurs weiter drueckt. So verwandelt eine Serie kleiner Nachrichten ein sonst moderates Minus in deutlich groessere Bewegungen.
Fast zeitgleich setzte im gesamten AI-Komplex ein Sympathy-Move ein. CNBC hob hervor, dass AMD, Broadcom und Marvell an einem Tag 5–7 % im Minus notierten – ein klares Zeichen dafuer, dass institutionelle Anleger nicht nur einzelnaechlich, sondern thematisch Risiko herausnehmen: bei Beschleunigern, Netzwerktechnik, Speicher. Basket-Trader verkauften ganze Koerbe, Relative-Value-Fonds reduzierten Long-Nvidia/Short-Peers-Trades, und passive Zufluesse kehrten sich in Abfluesse um. Nvidia fiel vom kurzfristig beruehrten ~212-USD-Level zuerst unter 192 USD und handelten Mitte November zeitweise in den hohen 180ern.
Damit stand die Aktie kurz vor dem Q3-Print rund 18 % unter dem Oktoberhoch und ungefähr 8 % unter dem lokalen Zwischenhoch im November. Kein Crash, aber genug Rueckgang, um das Narrativ “vielleicht ist der Gipfel erreicht” attraktiv klingen zu lassen.
Wovor der Markt wirklich Angst hatte
Kurz vor dem 19. November liess sich die Mehrheitsmeinung so zusammenfassen: Der AI-Infrastruktur-Boom war grossartig, aber eine “Verdauungsphase” sei ueberfaellig. China-Exportregeln wuerden die Hopper-Nachfrage stoeren, Kunden wuerden Investitionen vor Blackwell verschieben, die neue Architektur koenne die Margen belasten, und die Capex-Kurve der Hyperscaler wuerde vom steilen Anstieg in eine flachere Rampe uebergehen. In diesem Szenario brauchte Nvidia gar keinen “katastrophalen” Bericht; ein solides, aber weniger spektakulaeres Quartal mit vorsichtiger Guidance haette gereicht, um die Bewertung unter Druck zu setzen.
Besonders bei einem Titel, der bereits bei 5T+ Marktkapitalisierung und hohen Multiples gehandelt wird, ist nicht nur das absolute Niveau der Kennzahlen entscheidend, sondern die Aenderung der Steigung. Der Markt wartete nicht unbedingt auf ein Desaster, sondern auf das erste klare Signal, dass aus einer extrem steilen Wachstumskurve eine normale werden koennte. Der Schlusskurs von 144,86 USD am Tag des Reports spiegelte diese Erwartungsverschiebung wider.
Die Vor-Regelungs-Checkliste
Positionierung: Hoher Retail-Anteil, systematische Strategien und grosse Indexgewichte machten die Aktie besonders sensitiv fuer Narrativ-Schocks.
Bewertung: 5 Billionen USD Marktkapitalisierung implizierten, dass der Markt die naechsten Jahre AI-Capex bereits grosszuegig eingepreist hatte.
Regulierung & Politik: Exportkontrollen und wechselnde politische Rhetorik zu KI waren eine zusaetzliche Schicht Risikopraemie auf der Diskontrate.
Sektor-Tape: Schwaeche bei anderen AI-Aktien deutete auf breites De-Risking hin, nicht nur auf ein Nvidia-spezifisches Problem.
Inoffizielle Erwartungen: Offiziell rechnete man mit Staerke, inoffiziell hatte sich der Ton zu “vielleicht ist dies das erste Quartal mit spuerbarer Verlangsamung” verschoben.
Genau in dieses Setup hinein traf das Q3 FY2026-Ergebnis – und die Reaktion war entsprechend heftig, weil die Zahlen eben kein “Verdauungsquartal”, sondern eine erneute Beschleunigung signalisierten.
Der Ergebnisschock
Am Abend des 19. November 2025 lieferte Nvidia genau das, was die Bullen gehofft hatten – nur eine Nummer groesser. Q3 FY2026 war nicht einfach ein “Beat”, sondern ein Print, der die gesamte Diskussion ueber die Laenge und Intensitaet des AI-Superzyklus verschiebt. Umsatz, Margen und Ausblick lagen klar ueber den Erwartungen, und der Kommentar des Managements demontierte zentrale Bausteine der bearischen Story. In diesem Abschnitt schauen wir uns an, warum genau dieses Quartal mehr war als “nur” ein starkes Zahlenwerk.
Q3 FY2026 im Detail
Die Topline: 57,03 Mrd. USD Umsatz, +62 % im Jahresvergleich, +22 % gegenueber dem Vorquartal. Die Konsensschätzungen lagen zwischen etwa 54,8 und 55,3 Mrd. USD, Nvidia lag also rund 2 Mrd. USD ueber dem Mittelpunkt – wohlgemerkt nach Wochen, in denen die inoffiziellen “Whisper Numbers” bereits hochgeschraubt worden waren. In der Groessenordnung eines 5T-Unternehmens ist ein solches Wachstum schlicht aussergewoehnlich.
Das Data-Center-Segment, das mittlerweile die eigentliche Story traegt, steuerte 51,2 Mrd. USD bei – 66 % mehr als im Vorjahr, 25 % mehr als im Vorquartal und etwa 89,8 % des Gesamtumsatzes. Gaming, Automotive, Professional Visualization und andere Bereiche existieren weiter, sind aber aus Konzernsicht zu Rundungsfehlern geworden. Fuer Investoren bedeutet das: Die Nachfrage nach KI-Infrastruktur bei Hyperscalern, Enterprise-Kunden und staatlichen Projekten ist nicht nur intakt, sie ist hochdynamisch.
Auf der Gewinnseite meldete Nvidia einen non-GAAP EPS von 1,30 USD, 0,04–0,05 USD ueber Konsens. Der GAAP-Nettogewinn lag bei 31,92 Mrd. USD, etwa 65 % ueber Vorjahr. Die non-GAAP-Bruttomarge hielt sich bei beeindruckenden 75,0 %, quartalsweise stabil und rund 160 Basispunkte ueber Vorjahr – obwohl Blackwell als neue Architektur mit gewoehnlich niedrigeren Startmargen in die Volumenphase geht. Die betrieblichen Aufwendungen lagen bei 4,83 Mrd. USD, ein Plus von lediglich 18 % im Jahresvergleich. Das Ergebnis: operative Hebelwirkung auf “Gott-Modus”, wie es Fin-Twitter ausdruecken wuerde.
Eine Q4-Guidance, die das Drehbuch umschreibt
Noch groesser war der Paukenschlag beim Ausblick. Fuer Q4 FY2026 stellt Nvidia 65,0 Mrd. USD Umsatz ±2 % in Aussicht – Midpoint also 65 Mrd. USD, was rund 94 % Wachstum im Jahresvergleich und 14 % sequentiell bedeutet. Die meisten Analysten hatten eher 62,5–63 Mrd. USD im Modell; Nvidia verschob die Latte also ein weiteres Mal um mehrere Milliarden nach oben.
Aus den Aussagen laesst sich ableiten, dass das Data-Center-Segment im vierten Quartal wahrscheinlich bei etwa 59–60 Mrd. USD liegen wird, waehrend viele Modelle 56–57 Mrd. USD annahmen. In der Praxis heisst das: Die Investitionen laufen nicht in eine Pause hinein, sondern bleiben auf hohem Niveau – Kunden kaufen Hopper und Blackwell gleichzeitig, statt das eine strikt durch das andere zu ersetzen.
Jensen Huang formulierte die Lage auf dem Call ungewohnt klar: “Blackwell demand is off the charts.” “Cloud provider GPUs are sold out for the next 12 months.” “We are in full production ramp on Blackwell — expect billions in revenue this quarter and tens of billions next quarter.” Uebersetzt: Der befuerschtete Rueckgang im KI-Capex ist nicht eingetreten, vielmehr verdichten sich die Zeichen, dass 2026–2027 hoehere Ausgaben sehen werden als viele Modelle bisher abgebildet haben.
Wie die Baeren-Argumente zerlegt wurden
Bis zum Abend vor dem Bericht stand die bearische Story auf vier Pfeilern: China-Risiko, “Pause vor Blackwell”, Margendruck durch neue Architektur und die These eines AI-Capex-Gipfels. In wenigen Minuten wurden alle vier Pfeiler zumindest deutlich angeschlagen, teilweise eingerissen.
China-Exposure: Laut Management stammt nur etwa 5 % des Data-Center-Umsatzes aus China, der Anteil am Gesamtumsatz liegt im niedrigen einstelligen Bereich. Politisch relevant, aber keine existenzielle Bedrohung der Investment-These.
“Warten auf Blackwell”: Kunden verschieben ihre Bestellungen nicht, sie staffeln sie. Hopper-Cluster werden weiter aufgebaut, waehrend gleichzeitig Kapazitaet fuer Blackwell reserviert wird. Das Bild ist Ueberlappung, nicht Kannibalisierung.
Margenangst: Trotz Blackwell-Ramp blieb die non-GAAP-Bruttomarge bei 75 % und stieg im Jahresvergleich. Die Kombination aus Pricing-Power, systemischen Loesungen (NVL72/144) und Software-/Netzwerk-Anteil scheint staerker zu sein als der Margendruck auf Ebene des nackten Chips.
Capex-Gipfel: Eine Q4-Guidance mit knapp verdoppelten Umsaetzen gegenueber Vorjahr und die Aussage, dass Hyperscaler ihre Ausgaben 2026 weiter erhoehen wollen, passen schlecht zu der Idee, die Party sei vorbei. Eher wirkt es so, als haetten wir erst die Halbzeit gesehen.
Sovereign AI, volle Racks und prominente Kunden
Besonders spannend – auch aus europaeischer Sicht – ist der Teil des Calls zu “Sovereign AI”. Damit meint Nvidia nationale und staatlich dominierte Projekte, bei denen Laender eigene KI-Infrastruktur aufbauen, um Datensouveraenitaet und strategische Unabhaengigkeit zu sichern. Diese Pipeline liegt laut Management mittlerweile bei ueber 20 Mrd. USD annualisiert, nach rund 10 Mrd. USD im Quartal zuvor. Eine Verdoppelung in drei Monaten in einem Segment, das typischerweise in mehrjaehrigen Budgets denkt, ist ein starkes Signal.
Auch auf Systemebene ist die Lage bemerkenswert. Voll ausgebaute Blackwell-Systeme – NVL72 und NVL144-Racks – sind laut Nvidia ueber weite Teile des Jahres 2026 ausverkauft. Die Knappheit liegt damit weniger bei der Nachfrage, sondern bei Faktoren wie Energieversorgung, Kuehlung und Datacenter-Kapazitaet. Jensen nannte einige prominente Kunden: Meta hat rund 350.000 zusaetzliche Blackwell-GPU fuer 2026 bestellt, Tesla nutzt Blackwell fuer Dojo und andere KI-Projekte, und Elon Musk sprach offen von 3–4 Mrd. USD geplanten Ausgaben bei Nvidia im kommenden Jahr. Grace-Blackwell-Superchips werden bereits an alle grossen Cloud-Provider ausgeliefert.
So reagierte die Aktie
Die Reaktion am Markt war schnell und deutlich. Am 19. November schloss Nvidia im regulaeren Handel bei 144,86 USD – bereits mit einem ordentlichen Tagesplus, aber weiterhin klar unter den Allzeithochs. Nach der Zahlenvorlage sprang die Aktie im nachboerslichen Handel um bis zu 7,1 % auf ein Hoch von 155,18 USD. Im vorboerslichen Handel am naechsten Morgen bewegte sie sich im Bereich von 153–154 USD, also rund 6–6,5 % ueber dem Vortagesschluss.
Symbolisch noch wichtiger: Die Marktkapitalisierung ueberstieg wieder die Marke von 5 Billionen USD, diesmal mit frischen, starken Cashflows im Ruecken. Vorboerslich lag sie bei etwa 5,07 Billionen USD. Der November-Rueckgang von rund −8 % bis zum Print und −18 % vom Oktoberhoch war damit praktisch in einer Nacht eliminiert. Wer Nvidia laenger verfolgt, erkennt das Muster: Kompression vor dem Event, dann ein kräftiger Re-Rating-Sprung, wenn die Zahlen die Zweifel ausraeumen.
Fuenf Kennzahlen, die alles drehten
57,03 Mrd. USD Gesamtumsatz im Q3, +62 % YoY / +22 % QoQ, ca. 2 Mrd. USD ueber Konsens.
51,2 Mrd. USD Data Center-Umsatz, +66 % YoY / +25 % QoQ, knapp 90 % des Gesamtumsatzes.
75,0 % non-GAAP-Bruttomarge, stabil QoQ, +160 bps YoY trotz Blackwell-Ramp.
65 Mrd. USD ±2 % Q4-Guidance, ~94 % YoY-Wachstum, ~14 % QoQ-Wachstum, mehrere Milliarden ueber Street-Erwartungen.
Wieder >5 Billionen USD Marktkapitalisierung – jetzt klarer durch tatsaechliche Ertragskraft gedeckt.
Kurz gesagt: Das war kein “wir haben uns gerade so durchgemogelt”-Quartal, sondern ein “wir beschleunigen weiter”-Quartal. Genau diese Differenz ist fuer die weitere Kursstory entscheidend.
Was das jetzt bedeutet
Nach Q3 FY2026 ist die Antwort auf die Frage “was ist mit Nvidia-Aktien passiert?” eine andere als noch vor wenigen Tagen. Ein Rueckgang, genaehrt von regulatorischer Unsicherheit und optionsgetriebener Volatilitaet, ist auf einen Bericht getroffen, der den AI-Superzyklus bestaetigt und verlaengert. In diesem letzten Abschnitt geht es weniger um die nackten Zahlen und mehr darum, wie sie in Strategien, Szenarien und Risikomanagement fuer verschiedene Anlegertypen – auch in der Schweiz – einzuordnen sind.
AI-Superzyklus 2.0
Vor diesem Quartal war ein nicht ganz unplausibles Narrativ: Die AI-Investitionen sind riesig, aber zerbrechlich – konzentriert auf einige Hyperscaler, abhaengig von Zinspfad und US-Politik. Ein paar straffere Budgets koennten den Hype deutlich abkuehlen. Die neue Datenlage zeichnet ein anderes Bild. Hyperscaler planen, 2026 mehr als 2025 zu investieren. Die Sovereign-AI-Pipeline hat sich in einem Quartal verdoppelt. Blackwell-Racks sind ueber weite Teile von 2026 ausverkauft. Das riecht weniger nach geplatzter Blase als nach mittlerer Phase eines mehrjaehrigen Capex-Zyklus.
Fuer Nvidia bedeutet das nicht nur Umsatzwachstum, sondern auch qualitativ hochwertigen Zuwachs. Bruttomargen von 75 %, Kosten, die deutlich langsamer steigen als die Umsaetze, und eine Verlagerung vom reinen Chip-Verkauf hin zur Plattform-Logik aus Systemen, Netzwerk und Software. Jeder zusaetzliche Dollar Data-Center-Umsatz bringt ueberproportional viel Gewinn mit. Sollte sich bestaetigen, dass Blackwell-Margen tatsaechlich besser ausfallen als derzeit eingepreist, heisst das langfristig hoehere nachhaltige Gewinnniveaus als pre-Q3-Modelle angenommen hatten.
Kurzfristig: Kursbereiche, Gamma, Sentiment
Kurzfristig konzentriert sich der Markt auf Levels. Mit einem nachboerslichen Hoch um 155 USD und Vor-Boerse bei 153–154 USD ruetzt das 160–170-USD-Band als naechster naheliegender Bereich ins Zentrum der Diskussion – insbesondere, falls Options-Dealer nun nach oben short Gamma sind und in steigende Kurse hinein zukaufen muessen. Mit etwas laengerem Horizont wirkt ein Szenario plausibel, in dem Nvidia bis zum naechsten Earnings-Termin 200+ USD testet, sofern Blackwell-Volumen und Margen zusammenkommen wie in der Guidance angedeutet.
Natuerlich ist nichts davon garantiert. Makroschocks, neue Exportbeschraenkungen, Lieferkettenprobleme oder aggressiver Wettbewerb durch kundenspezifische Chips koennten den Pfad stoeren. Aber der “Default” im Markt hat sich verschoben – von “die Spitze koennte erreicht sein” zu “die Welle ist staerker und laenger als gedacht”. Das beeinflusst, welche Multiples Anleger bereit sind zu zahlen, und wie hoch das AI-Gewicht in Portfolios ausfallen darf.
Eine pragmatische Playbook-Sicht fuer verschiedene Anlegertypen
Wie laesst sich das aus Sicht unterschiedlicher Investorentypen einordnen – ohne Glaskugel, aber mit Struktur? Hier ein Rahmen (keine Anlageempfehlung):
Langfristige Fundamentalinvestoren: Q3/Q4 koennen als Bestaetigung gelesen werden, dass der AI-Infrastrukturzyklus mindestens bis 2026–2027 auf hohem Niveau laeuft. Fokus eher auf Volumen, Backlog, Lieferfaehigkeit und Software-/Plattformanteil als auf Intraday-Moves. Praktisch heisst das: gestaffelte Einstiege, das Nutzen politischer oder optionsgetriebener Schwankungen und Vermeidung von FOMO-Kaeufen nach senkrechten Rallyes.
Sektor- und Makro-Allokatoren: Nvidia hat die gesamte AI-Thematik neu kalibriert. Strukturielle Untergewichtung in Accelerators, AI-Netzwerken und verwandten Titeln ist nun eine aktive Wette, nicht mehr der neutrale Zustand. Gleichzeitig ist eine zu hohe Konzentration in einem einzigen 5T+-Namen riskant – auch in Schweizer Mandaten, die per Reglement teilweise begrenzt sind. Positionsgroesse und Korrelation zum Rest des Portfolios werden wichtiger.
Options-Trader und Kurzfrist-Handler: Jedes Nvidia-Regelungstermin ist mittlerweile ein Mini-Makro-Event. Implizite Volatilitaet, Skew und Termstruktur spiegeln sowohl Aufwaertsgier als auch Absturzangst. Statt nackter Calls oder Puts bieten sich definierte Risiko-Strukturen an – etwa Call-Spreads, Calendar-Spreads oder diagonale Kombinationen – bei denen Chance und Risiko klar absteckbar sind. Und: Respekt vor Gamma-Dynamik bleibt Pflicht, denn sie kann Richtung und Geschwindigkeit des Kurslaufs kurzfristig dominieren.
Retail-Anleger, die “den Dip kaufen”: Dieses Quartal bestaetigt eher die Logik als das Timing. Die zentrale Frage verschiebt sich von “ist AI real?” zu “wie gross darf eine Einzelposition werden, ohne dass sie dein Depot dominiert?”. Auch fuer Schweizer Privatanleger gilt: Eine konzentrierte Wette auf Nvidia kann attraktiv sein, aber eine diversifizierte AI-Exponierung – etwa ueber mehrere Halbleiter-, Cloud- und Softwarewerte oder selektive Fonds/ETFs – reduziert Stress, wenn der naechste 20-%-Dip kommt.
Risiken, die trotz Rekordquartal bleiben
So verlockend es nach einem Monsterquartal ist, Risiken zur Nebensache zu erklaeren – sie sind weiterhin real. Exportkontrollen koennen sich verschaerfen, geopolitische Spannungen koennen Lieferketten tangieren, und infrastrukturelle Grenzen bei Strom, Kuehlung oder Rechenzentrumsstandorten koennen die Implementierungsgeschwindigkeit bremsen, selbst wenn die Nachfrage hoch bleibt. Konkurrenz durch kundenspezifische Chips der groessten Kunden kann langfristig am Wallet-Share nagen.
Und dann ist da die schlichte Mathematik der Groesse: Bei einer Marktkapitalisierung von ueber 5 Billionen USD braucht es kein Desaster, damit der Kurs deutlich schwankt. Es reicht, wenn die tatsaechliche Wachstumsrate etwas unter den optimistischsten Annahmen landet, um Multiple-Kompression auszueloesen. Ein “nur noch” sehr starkes statt ueberragendes Quartal kann fuer deutliche Kursverluste sorgen – ganz ohne strukturellen Bruch der AI-These.
Eine aktualisierte Antwort auf die Ausgangsfrage
Was ist also mit Nvidia-Aktien geschehen? In der Kurzfassung: Die Aktie ist einer klassischen Sentiment-Kurve gefolgt. Zuerst die Euphorie mit Allzeithochs und 5-Billionen-Milestone. Dann eine Phase der Verunsicherung mit China-News, politischem Laerm und optionsverstaerktem Abverkauf. Und schliesslich ein Q3 FY2026-Regelungstermin, der diese Zweifel mit 57 Mrd. USD Umsatz, 75 % Bruttomarge, aggressivem Q4-Ausblick und einem sehr bullischen Bild fuer 2026–2027 kontert.
In der Langfassung bedeutet das: Nvidia ist vom Modus “Story mit Zahlen im Anhang” in den Modus “Zahlen mit Story als Kontext” gewechselt. Der AI-Superzyklus wirkt nicht wie ein Hype, der plattlaeuft, sondern eher wie eine strukturelle Verschiebung in Richtung beschleunigter Rechenleistung, bei der Nvidia derzeit die zentrale Plattform bildet. Das garantiert keinen linearen Kursverlauf und schon gar nicht Risikofreiheit – aber es gibt dem Markt eine klarere Antwort auf die Kernfrage: Nein, der AI-Boom ist nicht bereits vorbei. Eher hat er gerade das naechste Gang eingelegt.
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